Von der Gutenberg- zur Zuckerbergwelt.
Die smarte Transformation des alpinen Raums und ihre Folgen
Am 28. Juli 1900, im Anschluss an die DuOeAV-Generalversammlung in Straßburg, wurde der VzSB aus dem Deutschen und Österreichischen Alpenverein (DuOeAv) heraus gegründet, damals noch als „Verein zum Schutze und zur Pflege der Alpenpflanzen“. Damit ist der VzSB die älteste noch existierende Naturschutzorganisation für den Alpenraum. Gründungsmitglieder waren 125 Einzelpersonen sowie 28 Sektionen des DuOeAV, wovon uns 19 Sektionen bis heute die Treue gehalten haben.
125 Jahre VzSB - dieses Jubiläum galt es heuer zu feiern: mit einem Symposium und einem Festabend am 2. Dezember 2025.

Foto: Wolfgang Aumann
Veranstaltungsort war das Alpine Museum des Deutschen Alpenvereins auf der Praterinsel in München - wir danken dem DAV und insbesondere Museumsleiterin Friederike Kaiser und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die Bereitstellung des Festsaals und die Organisation. Wir danken CIPRA Deutschland als Kooperationspartner und allen Spenderinnen und Spendern, die mit ihren großzügigen Gaben diese Veranstaltung ermöglicht haben.
Thema des ganztägigen Symposiums "Von der Gutenberg- zur Zuckerbergwelt. Die smarte Transformation des alpinen Raums und Ihre Folgen" und der Podiumsdiskussion war die steigende Nutzung digitaler Medien bei der Orientierung im Gelände ("Zuckerbergwelt") im Vergleich zu gedruckten Karten und Tourenliteratur ("Gutenbergwelt"). Welche Vorteile bieten die digitalen Medien? Welche nichtintendierten Folgen hat die Zuckerbergwelt für den alpinen Raum, dessen Faszination und Naturausstattung? Wie verändert die leichte Zugänglichkeit des alpinen Raums die Bergkultur? Nimmt der Respekt vor der Bergwelt ab - was würde das für deren Schutz bedeuten?
Die Moderation von Symposium und Podiumsdiskussion übernahm Christine Frühholz, Leiterin des DAV Ressorts Redaktion, ebenso die Eröffnung des Symposiums. Dr. Sabine Rösler, Erste Vorsitzende des Vereins zum Schutz der Bergwelt, begrüßte die Ehrengäste und Teilnehmenden der Jubiläumsveranstaltung und spannte in ihrem Rückblick den Bogen von der Vereinsgründung im Jahr 1900 bis hin zu den aktuellen Herausforderungen für den VzSB. Axel Doering, Präsident der CIPRA Deutschland, erinnerte in seinem Grußwort an die Grassauer Gespräche "Die mediale Erschließung der Alpen" im Jahr 2023, die von CIPRA-D initiiert wurden und inhaltlich diesem Symposium vorangingen. Wolfgang Arnoldt, DAV-Vizepräsident, schilderte in seinem Grußwort die Transformation der DAV-Kartographie: eine geringere Nachfrage nach gedruckten Karten und eine steigende Nutzung digitaler Plattformen für die Navigation.
In ihren Referaten berichteten ausgewählte Expertinnen und Experten über die Nutzung der digitalen Medien und deren Folgen, die wir im Folgenden, verknüpft mit einer kurzen Vita der Vortragenden, rekapitulieren:
Arne Schwietering: Funktionsweise der neuen Medien und ihre Wirkungen
Kommerzielle Outdoorsport-Planungsplattformen wie Outdooractive oder Komoot nutzen OpenStreetMap (OSM) als Grundlage für ihre Karten, Funktionen und Regelwerke sowie für die darauf aufbauenden, größtenteils nutzerbasierten Inhalte. So ermöglichen sie die Selbstorganisation wenig in formale Strukturen gebundene Sportarten. Dies bringt offensichtliche Vorteile mit sich, wie den direkten und schnellen Informationsaustausch über eine dafür funktional ausgerichtete Plattform. Gleichzeitig können jedoch auch nicht intendierte Effekte durch ein unvollständiges Regelwerk entstehen.
Arne Schwietering studierte Maschinenbau sowie Materialwissenschaften und Werkstofftechnik, ist zur Zeit Doktorand am sportökologischen Lehrstuhl der Universität Bayreuth und arbeitete federführend im Projekt „Digital Ranger“.
Dr. Thomas Fickert: Besucherdruck in der Natur – Rolle, Folgen und Chancen digitaler Medien
Naturbezogene Freizeitaktivitäten haben sich zu einem Massenphänomen entwickelt. Der zunehmende Run auf die Natur hat vielfältige Gründe, ein wichtiger Grund sind heute aber sicher soziale Netzwerke wie Instagram oder Komoot, die sowohl zu einer Besucherkonzentration an bestimmten Orten führen, als auch den Druck in der Fläche erhöhen. Abnehmende Sensibilität gegenüber der Natur führt oft zu einem problematischen Besucherverhalten (ökologisch, sozial/gesellschaftlich), weshalb über geeignete Maßnahmen zur Beruhigung der Situation nachgedacht werden muss.
Thomas Fickert ist Physischer Geograph. Nach fast zwei Jahrzehnten als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Universitäten Erlangen-Nürnberg und Passau ist er mittlerweile im Fachbereich Naturschutz beim Landesverband Baden-Württemberg des Deutschen Alpenvereins e.V. tätig.
Arne Schwietering: Digitale Selbstkorrektur: „Digitize the Planet“
In seinem zweiten Vortrag berichtet Arne Schwietering, wie es die Digitalisierung ermöglichtt, das digitale Potenzial wiederum einzuhegen: „Digitize the Planet“ ist der Versuch, Schutzgebiete und Räume der Outdooraktivitäten digital zu überschneiden. So können die Besucher wissen, was sie tun.
Friedl Krönauer: Mit Digital Tools und Influencer Posts in alpine Sackgassen. Bergrettung im Social-Media Zeitalter
Mit der Abnahme des Raumwiderstands, auch wegen der mit den digitalen Medien vermeintlich beherrschbaren alpinen Gefahren, nimmt die Frequentierung des alpinen Raums zu. Zudem hat sich der Kreis der „Bergaffinen“ durch die Gruppe der Social-Media-Explorer erweitert. Dies führt zu einer deutlich gestiegenen Zahl an Einsätzen, die es von den ausschließlich ehrenamtlich tätigen Bergrettern „24/7/365“ zu bewältigen gilt.
Friedl Krönauer ist Sprecher des Landesarbeitskreis Alpen des BN, Vorsitzender der BN-Kreisgruppe Bad Tölz-Wolfratshausen und Mitglied der Bergwacht Kochel am See.
Dr. Uta Eser: Commoning der Bergwelt: Konturen einer Ethik der „Zuckerbergwelt“ zwischen Dystopie und Utopie
Der Vortrag von Uta Eser verband eine digitale Ethik der Outdoor-Plattformen mit dem Gedanken des Commoning. Der von Elinor Ostrom geprägte Begriff der Commons richtet sich gegen die von Garret Hardin geprägte Dystopie der „Tragik der Allmende“. Im Unterschied zu Gemeinressourcen, die frei zugänglich und unreguliert sind, sind Gemeingüter (Commons) durch Regeln gekennzeichnet, welche die Gemeinschaft aller Nutzenden aushandelt und einhält. Zwischen der Verteufelung und der Idealisierung digitaler Plattformen suchte der Beitrag nach Möglichkeiten eines Commoning der sog. „Zuckerbergwelt“, also nach Ansätzen einer gemeinschaftlichen Organisation nachhaltiger Nutzungsweisen jenseits von Ökonomisierung oder staatlicher Regulierung.
Dr. Uta Eser ist Biologin und Umweltethikerin. Sie lehrt und forscht im Grenzgebiet zwischen Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zu Fragen der Umweltkommunikation und Umweltethik. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Naturschutz, biologische Vielfalt und Umweltgerechtigkeit.
Dr. Klaus Pukall: Lässt sich die Zuckerbergwelt einhegen? Vorschläge des Naturparkverbandes Bayern zur Änderung des Bayerischen Naturschutzgesetzes
Bisher waren Kartographen und Führerautoren Gatekeeper: Sie selektierten die Wege und Touren als darstellungswert oder nicht. In der Zuckerbergwelt setzen sich die Open-Street-Map- (OSM-) und die Nutzer-Communities der Outdoor-App-Firmen selbst ihre Regeln. Der Naturparkverband Bayern schlägt deshalb eine Überarbeitung des BayNatSchG vor, um Naturschutz- und Grundeigentümerinteressen angemessen zu berücksichtigen.
Klaus Pukall ist promovierter Forstwissenschaftler, arbeitet er an der Technischen Universität München als Forscher und Dozent zu Landnutzungskonflikten und publiziert u.a. zu aktuellen Entwicklungen im Naturschutzrecht. Zudem ist er als Naturparkkoordinator im Naturpark Ammergauer Alpen für das Thema Besucherlenkung zuständig..
Christine Frühholz & Tobi Reinke: Im Maschinenraum der DAV-Kommunikation
In dem Bühnengespräch trafen Print und Digital aufeinander: Das Magazin Panorama und das Tourenportal alpenvereinaktiv disputierten über Relevanz, Reichweite und Verantwortung. Im Fokus standen die DAV-Kommunikation, der Wandel im Bergsport und die Frage, wie digitale und analoge Formate gemeinsam für mehr Nachhaltigkeit und Sicherheit sorgen können.
Christine Frühholz hat Literatur- und Politikwissenschaft studiert (M.A.). Seit 2004 in der DAV-Bundesgeschäftsstelle tätig, leitet sie jetzt das Ressort Redaktion mit dem „Print-Flaggschiff“ Panorama.
Tobi Reinke ist Kartograph (Dipl.-Ing. FH), war über 10 Jahre Redakteur im Panico Alpinverlag und ist seit 2023 im Ressort Naturschutz und Kartographie des DAV für alpenvereinaktiv zuständig.
Dr. Julia Frankenstein: Navigationsgeräte: Hilfe oder Hindernis für die Orientierung?
Der Einsatz von Navigationssystemen als Orientierungshilfe ist inzwischen weit verbreitet. Für Taxis oder Rettungsdienste können sie ein Segen sein, für Urlauber bequem. Sie bieten Informationen in Echtzeit, und können Kartenmaterial sinnvoll ergänzen (z.B. Wetter, Stau etc.). Doch manchmal endet der Einsatz von Navigationssystemen fatal - wenn der menschliche Verstand “ausgeschaltet” wird. Doch was ist Orientierung eigentlich und wie funktioniert sie? Welche Rolle spielen das Routenwissen und mentale Karten? Lässt die Dauernutzung von Navigationsgeräten unseren Orientierungssinn verkümmern, und falls ja, was verlieren wir? Oder können wir durch Navigationssysteme unsere Orientierungsfertigkeiten verbessern?
Julia Frankenstein hat Psychologie an der TU Chemnitz und der Uni Tübingen studiert. Schon seit sie als studentische Hilfskraft erste Experimente darin durchführte, ist die menschliche Orientierung ihr Schwerpunkthema. Seit 2016 an der TU Darmstadt in Forschung und Lehre tätig, sind aktuelle Projekte „Mentale Karten“, das Hintergrundwissen in der Navigation und Orientierung, Navigationssysteme und Kartennutzung sowie Psychophysik-Experimente zur Erforschung räumlicher Illusionen
Rudi Erlacher: Shifting the Baseline: Die smarte Transformation von der Gutenberg- zur Zuckerbergwelt
Ausgehend von Hartmut Rosas Zeitdiagnose „Die Moderne ist darauf ausgerichtet möglichst viel ‚Welt‘ verfügbar zu machen, um die Möglichkeit und Wahrscheinlichkeit unverfügbarer, aber ersehnter und erfüllender Resonanzerfahrungen zu erhöhen.“ wurden die modernen Orientierungsmedien danach befragt, ob es noch ein Stoppschild gegen ihren intrinsischen Verfügungsimperativ gibt. Tendiert der Effekt der „Shifting Baseline“ mit ihnen alternativlos zur Nulllinie oder gibt es Möglichkeiten gibt, das „falsche Normal“ aufzubrechen? Mit seinen eigenen Mitteln? Mit einer neuen Ethik der puristischen Distanz? Mit Anleihen aus der Gutenbergwelt? Mit diesen Fragen wurde übergeleitet zum Podiumsgespräch.
Rudi Erlacher ist Diplomphysiker und Erfinder alpintechnischer Sicherungsgeräte (u.a. erste dynamische Klettersteigbremse). Er verteidigt nicht nur die Artenvielfalt, sondern auch die Schönheit der Bergwelt, seit 1992 in Bürgerinitiativen, ab 2003 als Mitglied des Vorstandes des VzSB, von 2015-2019 zudem im Präsidium des DAV, Autor diverser Artikel in Bergsteigermagazinen, insbesondere aber im Jahrbuch des VzSB.
Den Referaten schloss sich ein Podiumsgespräch an, das dann auf das ganze Publikum erweitert wurde. Das Podium war paritätisch besetzt: Max Seidl (Komoot) und Thorsten Unseld (Digitize the Planet) vertraten die Sache der Digitalen Orientierung im Raum, Margarete Moulin (Journalistin) und Rudi Erlacher (VzSB) standen für die Gegenposition. Sie wollten insbesondere die Folgen der Zuckerbergwelt für die Bergkultur diskutieren. Roland Stierle (Präsident des DAV) und Dr. Uta Eser (Umweltethikerin) nahmen eher vermittelnde Positionen ein.
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Foto: Wolfgang Aumann
Fazit des Symposiums:
Die Digitalisierung der Orientierung in den Naturräumen, insbesondere im Alpenraum, senkt den Raumwiderstand. Die Frequentierung der Räume nimmt zahlenmäßig massiv zu und dehnt sich auch auf das nichtmarkierte Wegenetz aus. Dieser Effekt wird durch die Outdoor-Plattformen geboostet.
Der Versuch des Projekts „Digitize the Planet“, das Szenario der angebotenen Routen mit Schutzgebietszonen zu verschneiden, verweist auf dieses grundsätzliche Problem, reagiert aber nur selektiv: Nur in Wildschutzgebieten wird ein temporäres Betretungsverbot ausgesprochen, Wald-Wild-Schongebiete sind dagegen nur Empfehlungen. Und in Landschaft- und Naturschutzgebieten und auch im Nationalpark Berchtesgaden gilt das freie Betretungsrecht der Bayerischen Verfassung. Entsprechende Schutzgebiets-Hinweise in den digitalen Karten sind zu begrüßen, der steuernde Effekt ist aber gering.
Für das Gros der Fläche ist das Verbot im Detail zwecklos – aber dieses Gros der Fläche ist nun transparent und steht damit auch dem Unerfahrenen offen: Mit den Plattformen kehrt ein Paradigmenwechsel in den Bergen ein. Bisher war der Raum abseits der markierten Wege für den Gebietsfremden eine Blackbox. Diese ist nun mit den detaillierten Angaben frei begehbar – das ist die Attraktivität der Outdoor-Plattformen. Mit der Eigenwerbung „Entdecke jenseits der Karte“ zeigt z.B. Komoot, wohin die Reise geht. Um dieses Potenzial einhegen zu können, wurden verschiedene Optionen diskutiert: gesetzliche Vorgaben, ethische Prinzipien, kulturelle Aufwertung einer unverfügten Natur – es ist das Verdienst des Symposiums, das Problembewusstsein zu wecken und mögliche Antworten „in den Raum zu stellen“ – im wahren Sinne des Wortes.
Der anschließende Festabend mit Grußworten von Roland Stierle (DAV-Präsident), Uwe Roth (Präsident CIPRA International) und Dr. Christian Barth (Ministerialdirektor des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz) sowie experimentell-musikalischer Umrahmung des Klarinettisten Fred Guntermann richtete den Fokus noch einmal auf die 125 Jahre, in denen der VzSB den Schutz der Bergwelt entscheidend mitgeprägt hat. Und beim kulinarischen Ausklang konnte man in Begegnungen und Gesprächen die großartige Veranstaltung Revue passieren lassen.

















Fotos: Dr. Jochen Cantner, Dr. Klaus Lintzmeyer, Wolfgang Aumann.